"Wien ist so unfassbar vergangenheitsverliebt, dass es eigentlich der ideale Ort für jene sein müsste, die die Welt der Euro- und Finanzkrise nicht länger ertragen."
F.A.S. von heute, Seite 19. Ein Text von Joachim Lottmann. Kann man auch anders sehen. Der Beitrag ist trotzdem spannend - seeehr eigenwillige Perspektive auf Wien, Wein und was im vierten Bezirk so getrieben wird...
Fred L. - 1. Jan, 11:27
>> Kreisch! Die interessanten Zeiten, die man sich populärwissenschaftlichem Wissen zufolge in China wünscht und als Fluch meint, sie scheinen vor uns zu liegen. Dummerweise galt das schon immer, aber dummerweise scheint es diesmal wirklich der Fall zu sein, dass uns ganz besonders „interessante“ Zeiten bevorstehen (wenn wir nicht schon mittendrin sind). Nein, um die esoterischen Interpretationen des Jahres 2012 als Weltuntergangsjahr geht es hier nicht. Ganz ohne Nostradamus, Maya-Kalender, Inka-Inschriften und sich angeblich kreuzende Planeten- oder andere Kurven kann man der Vermutung anhängen, 2012 werde ein spannendes Jahr. Ja. 2012 wird zunächst einmal einfach deshalb ein interessantes Jahr, weil jedes Jahr interessant ist. Selbst das eher unspektakuläre Jahr 1926 war nicht ereignislos. Nicht jedes Jahr ist so aufregend und prägend wie 1966. Grundsätzlich gilt aber, dass in jedem Jahr – das ja selbst schon eine willkürliche Zeit-Ein-Teilung ist, die mit dem Strom der Ereignisse nichts zu tun hat – etwas „los“ ist, und so wird es auch 2012 sein. Irgendwas ist immer. 2011 war ja auch nicht gerade langweilig.
Aus Weltrettungssicht trägt 2012 zur Action gewiss bei, dass die Grenzen des Wachstums vierzigsten Geburtstag feiern und in Rio de Janeiro nach 20 Jahren wieder eine Konferenz der Vereinten Nationen zum Thema „Nachhaltigkeit“ stattfinden wird. Davon abgesehen: Schaut man sich aktuelle Wirtschafts-, Armuts- und Umweltkrisen an, muss einem um den durchaus schaurigen Unterhaltungswert dieses Jahres nicht bange sein – wahrscheinlich wird 2012 tatsächlich überdurchschnittlich „interessant“ (zum Beispiel makroökonomisch betrachtet). Bange macht vielleicht eher die oben erwähnte esoterische Deutung von 2012. Man hört bei überraschend vielen Leuten, die sonst halbwegs gut bei Verstand zu sein scheinen, dass nun eine Zeitenwende bevorstehe. Diesmal wirklich. Die Zeit sei buchstäblich reif für etwas Besseres. Oh, die Zeit ist sicher reif für etwas Besseres, die Frage ist eher die nach unserer Bereitschaft. Und danach, was das mit einer Jahreszahl zu tun hat. Wenn man nur aufgrund der Zahlenkombination 2 – 0 – 1 – 2 glaubt, dass die Welt untergeht oder die Menschheit „eine neue spirituelle Dimension“ erreicht – dann hat man ein politisches Problem.
Denn die Sorge um den Zustand der Welt und der Wunsch nach Veränderung (gerne ruckartig), die hier zum Ausdruck kommen, werden zu nichts Gutem führen, wenn sie sich an esoterischen Weltauslegungsversuchen orientieren. Damit wird nicht bestritten, dass derlei Auslegungen für die Betroffenen eine wichtige Funktion haben können. Manche interpretieren die Welt in wissenschaftlichen Begriffen, andere in esoterischen, wieder andere machen es auf eine andere Art. Dass hier unterschiedliche Risiken und Nebenwirkungen zu erwarten sind, kann man wissen. Und das ist auch gut so. Der Punkt ist, dass Weltverbesserungsversuche sich nicht all zu weit von der Welt entfernen sollten, wenn sie eine Chance auf Realisierung haben sollen. Das heißt nicht, dass wissenschaftliches Wissen uns retten wird. Es hat uns wesentlich in den aktuellen Schlamassel gebracht (aber eben auch sehr viel Gutes bewirkt), und deshalb braucht es neue Ideen. Danach im Esoterischen zu suchen, hat aber den entscheidenden Nachteil, dass das ablenken kann von der Aufgabe (um es simpel zu formulieren), den Stand und die Ordnung der Dinge gründlich anzuschauen und darauf Konsequenzen – Handlungen und Unterlassungen – folgen zu lassen.
Die Herausforderung liegt also (natürlich) nicht darin, dass man irgendwelche vergangenen Zukunftsvorhersagen gegenwartsrelevant finden muss. Sondern darin, endlich im Endlichen anzukommen: sozial, ökonomisch, ökologisch, kulturell, technisch – und, wohl nicht zuletzt: psychisch. Gegenwarts- und zukunftsfähig mit der eigenen Endlichkeit umzugehen, ist eine interessante Hausaufgabe. Mindestens ebenso interessant ist die gesellschaftliche Dimension der Herausforderung. Endlichkeit und also Grenzen überhaupt (wieder) denkbar und handlungsrelevant werden zu lassen, darauf scheint Politik heute nicht sehr gut eingestellt zu sein. Oft scheint sie mit kurzfristigen Problemen so beschäftigt, dass – wie ja auch oft beklagt wird – langfristige Themen aus dem Blickfeld geraten. Euro-„Rettung“ und Politik zur Förderung von Wachstum dominieren und verdrängen Themen wie Bildung und Klimawandel.
Dass die ökologischen und sozialen Herausforderungen in Gegenwartsgesellschaften ernst zu nehmen sind und nicht gegen wirtschaftliche Themen ausgespielt werden können, ist ein wesentlicher Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Die Endlichkeit der Natur und die sozialen Belastungsgrenzen sind nicht weniger relevant als die wirtschaftlichen Nöte, die heute so dominant scheinen. In der Langfristperspektive spricht sogar einiges dafür, dass Entwicklungen wie klimatischer und demographischer Wandel wesentlich nachhaltiger wirken könnten als noch so dramatische ökonomische Problemlagen (die selbst wesentlich durch ökologische und soziale Entwicklungen beeinflusst werden und diese beeinflussen).
Sozialökologische Zielsetzungen führen dazu, dass Begriffe an Bedeutung gewinnen, die mit einer wirtschaftlichen Sicht der Dinge nicht eben kompatibel scheinen: Suffizienz, Entschleunigung, Exnovation (als Gegenbild zur Innovation, also das Aus-der-Welt-Schaffen von Technologien), Großzügigkeit und Resilienz sind Beispiele. Derlei Konzepte herzunehmen und nicht (nur) ökonomisch zu interpretieren, dürfte sich als „nachhaltiger“ erweisen als die ökonomistische Fixierung auf Innovation, Effizienz und Wachstum. Diese Dinge sind nicht nur Problemlöser, sondern auch Problemtreiber. Wer die Welt „retten“ oder auch nur besser machen will, wird nach dem Stand der Dinge nicht daran vorbeikommen, sie gründlich in Frage zu stellen. Die Vorhersagen sehr alter Kalender sind dafür so irrelevant wie Fehl- und Überinterpretationen von Kondratjews Werk oder Jahrestage im Zeichen der „Nachhaltigkeit“. <<
(Auszug aus dem Kapitel "2012" des Buches "Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs", das Mitte Januar bei Metroplis erscheint.)
Fred L. - 1. Jan, 00:39